Vortrag

Ich lade Euch herzlich zu einem Vortrag über meine Arbeit und meine Erfahrungen in Jujuy ein. 
Am Samstag, 28. April 2012, werde ich – engagiert von der Kolpingfamilie Ebenhofen – im Pfarrstadl in Ebenhofen um 20 Uhr von meinen Erlebnissen erzählen. Den Pfarrstadl findet Ihr in der Schwabenstraße links neben dem Flötenhof (Nummer 16).

Reflexion auf deutschem Boden

Hier in Deutschland blicke ich von außerhalb auf Jujuy und auf meine Erfahrungen. Mir wurde viel bewusst:

Ich hatte die ganzen 13 Monate ein Rückflugticket sicher. Ich wusste immer, dass ich nicht ewig bleiben würde – so sah ich vieles aus einer anderen Perspektive als die Jujenos. Andererseits konnte ich mich auch nie zu 100% in deren Lage hineinversetzen – ich wusste ja, dass ich bald wieder in mein „altes Leben“ zurückkehren würde.

In Jujuy hatte ich ernsthaft über eine Zukunft in Argentinien nachgedacht. Ich habe überlegt, was ich arbeiten könnte und wie das funktionieren würde – nun glaube ich zu wissen, dass ich einem richtigen Leben in Jujuy nicht gewachsen wäre.

Ohne die zeitliche Begrenzung des Aufenthaltes würde ich mich wohl nicht Wohlfühlen in einem Land, in dem Ungerechtigkeit täglich durch Korruption geschürt wird; wo Polizisten Straßenkinder verprügeln; wo Menschen- und Organhandel vertuscht werden; in einem Land, in dem die Regierung den Import durch hohe Zölle so blockiert, dass die staatliche Wirtschaft entfernt von der internationalen agieren muss. In Jujuy, wo sich der durchschnittliche Einwohner im „Hospital“ ärztlich auf Kosten des Staates versorgen lässt – dort, wo mit einer Spritze gleich alles wieder gut ist und die Menschen oft später an Folgen nicht erkannter Krankheiten sterben, da sie früher kein Geld für die teuren Privatkliniken hatten.

Niemals würde ich in Argentinien voreingenommen leben können – ich würde es (egal welches Land) immer mit meinem deutschen Verständnis von Staat, Gesellschaft und Kultur vergleichen. Vielleicht unbewusst, vielleicht ungewollt – aber in vielen Fällen ließen sich bestimmt Vorteile im deutschen System finden.

Die Welt kann nichts ausrichten gegen einen Mann, der im Elend singt.
Ernesto Sabato, 1911, argentinischer Schriftsteller

Manchmal frage ich mich, ob mein Freiwilligendienst sinnvoll war – ob ich irgendjemandem geholfen habe.

Für mich selbst habe ich sehr viel gelernt. Ich lebe bewusster, versuche Elemente des Lebens in Südamerika, die mir gefallen haben, in mein Alltagsleben mit einzubinden. So versuche ich zum Beispiel, mir das Teilen und das Miteinander zu behalten. Oft – und das ist von der anderen Kultur her verständlich – wird das aber in Deutschland nicht verstanden.

Ich habe in dem Jahr auch gefühlt, wie es ist, Fremd zu sein; wie es sich anfühlt immer anders auszusehen, nie gleich behandelt zu werden. (So dass ich mich jetzt vielleicht besser in die Asylbewerber in Passau hineinversetzen kann, denen ich jede Woche ehrenamtlich Deutsch-Nachhilfe gebe.)

Ich habe gelernt, einfacher zu leben, konnte mich mit anderen Lebensweisen anfreunden und abfinden und habe neue Werte für mein Leben gebildet.

Die schönsten Momente zwischen August 2010 und September 2011 waren für mich, wenn ein Kind etwas verstanden hat.Der zwölfjährige Arni verstand plötzlich das Summieren; der elfjährige Santos hüpfte aufgeregt im Dunkeln auf den gepolsterten Theatersesseln in dem Theatersaal der Stadt, den er zum ersten Mal besuchte; Lucía verstand, warum es nicht sinnvoll ist, mit Steinen zu werfen; Perla konnte ich in einem Gespräch vermitteln, dass Streit zu einer Freundschaft gehört; die zwölfjährige Noelia erklärte mir ihre große Freundschaft mit Pato; Die elfjährige Brisa begriff, dass es nicht gut für ihren kleinen Bruder ist, auf den sie oft aufpassen muss, wenn sie ihn anschreit; Romina wurde mit Gewissensbissen klar, dass man eine Birne von fremden Menschen nicht einfach essen darf.

Was mich sehr bewegte war, als der damals zweijährige Bail, der in seiner Umgebung sehr viel Gewalt erfahren muss, mir mit seinen Händen auf die Backe patschte. Ich sagte ihm, dass mir das wehtäte. Er sah mich fragend an. Ich streichelte seine Backen und meinte, dass das schöner sei. Er streichelte dann auch meine Backen und von dem Tag an, tat er das immer, wenn ich ihn auf dem Schoß hatte.

Aber ich frage mich, warum Bail Gewalt erfahren muss. Und ich verstehe nicht, warum Perla jetzt Drogen nimmt. Ich kann verstehen, warum Lucía sich Schmerzen zufügt – nach allem, was sie erlebt hat in ihrem Leben. Doch warum musste sie das erleben? Ich verstehe, warum Noelia sich an ihre beste Freundin klammert, oft überfordert ist und nach Grenzen sucht, wenn ihre Mutter – die Mutter von sieben Kindern – mit ihrem neuen Freund durchbrennt und die Kinder sich selbst überlässt. Noelia hoffte bis zuletzt, dass ihre Mutter sie wenigstens an ihrem Geburtstag besuchen käme.

Ich zweifle an Entwicklungszusammenarbeits-Programmen, wenn ich die 15jährige Schwester von Brisa in der Villa (dem Armenviertel) hochschwanger sehe und frage mich, was wohl Brisa in vier Jahren macht. Ich bin traurig, wenn die drogensüchtige Mutter von Romina sie von einem Ausflug abhalten will, da sie wahnsinnige Angst um sie hat. Ich weiß nicht, wie ich reagieren soll, wenn ich höre, dass Santos in einen Überfall verwickelt ist. Nicht als Opfer.

Trotzdem ist es wichtig, weiter zu machen. Nicht aufzugeben. Den Kindern zuzuhören, ihnen zu verzeihen und neue Chancen zu geben.

Erich Fried sagte mal: „Für die Welt bist du irgendjemand, aber für irgendjemand bist du die Welt.“

Ich will, dass Perla, Bail, Noelia, Arni und all die anderen Kinder wissen dürfen, dass sie für jemanden die Welt bedeuten.

Ich will hier denen Danke sagen, die vor Ort aus Idealismus in sporadischen und oft improvisierten Projekten arbeiten. Meine Kolleginnen und Kollegen aus Jujuy hatten selbst oft nicht viel und haben aus Überzeugung ihren Mitbürgern geholfen und ihnen das Gefühl vermittelt, eine Welt für sie zu sein.

Schließlich will ich sagen…

EIN SONNENJAHR

Als Abiturientin ging ich im August 2010 nach Jujuy. Ich wollte anpacken, helfen, andere Kulturen kennenlernen und leben. Von der „Weltweiten Initiative für soziales Engagement“ wurde ich intensiv auf meinen Einsatz in Argentinien vorbereitet. Dennoch flog ich im Wesentlichen ungelernt und mit geringen Spanischkenntnissen los. In der Organisation, der „Weltweiten Initiative“ gibt es ein, wie ich finde wahres, Sprichwort: „Ein halbes Jahr lernen, ein halbes Jahr helfen“ – ziemlich so ließe sich das Jahr zusammenfassen.

GASTFAMILIE

Ich wohnte Anfangs in einer super Gastfamilie – ich telefoniere immer noch fast täglich mit ihnen. Sie machten einen großen Teil des Jahres aus und prägten mich. Meine Gastfamilie nahm mich auf und ich wusste, ich habe bei ihnen: immer ein offenes Ohr bei einem Tee; Hilfe sogar wenn ich keine brauchte; ein Bett wenn es mal spät wurde; einen Papa, mit dem ich Fußball schauen kann, pilgern und angeln gehen kann und der mir das Grillen auf argentinische Art lehrte; eine Mama, deren viele Rezepte ich teilweise auswendig im Herzen trage, deren Bescheidenheit ich schätze, die mir gezeigt hat, welche Kräuter, gegen Husten, gegen Bauchweh und gegen Ohrenschmerz helfen, deren Urvertrauen in Gott und die Mutter Erde ich bewundere; sechs Geschwister im Alter von 20 bis 43 Jahren, die unterschiedlicher nicht sein könnten, bei denen ich um jeden einzelnen für seinen Charakter dankbar bin, mit denen ich tanzen kann, lachen, weinen und kochen, unter denen sich meine besten Freunde aus Argentinien befinden; sieben Nichten und Neffen, mit denen ich spielen und eiern kann. Mein Jahr wäre anders verlaufen ohne die Familia Urzagasti. Es war sehr schön, von meiner Gastmama beim Abschied gesagt zu bekommen, dass ich immer kommen kann, dass ich ein Haus in Jujuy habe, dass ich nicht an die Haustüre klopfen müsse, dass ich immer einfach eintreten könne.

PROJEKTARBEIT

Es dauerte Anfangs, bis ich meinen Platz in den Projekten, in denen ich arbeitete gefunden hatte. Ich lernte, mich auf Spanisch auszudrücken. Ich lernte, den Kindern eine autoritäre Freundin zu sein. Ich lernte, Projekte mit den Kindern zu machen. Ich lernte, die Kinder zum Lernen zu motivieren. Ich lernte, auf meine eigene Sicherheit zu achten und die Umgebung einzuschätzen. Und viele Dinge mehr lernte ich…

Dann konnte ich wirklich anpacken. Konnte mit den Eltern der Kinder Gespräche führen, konnte mit den Kindern Projekte gestalten, fand mich in meiner Rolle zwischen Lehrerin und Freundin und verstand die Bedürfnisse und Hintergründe der Kindertagesstätten.

Das Jahr ging sehr schnell zu Ende. Die letzte Zeit war eine sehr intensive: ich war wirklich integriert in die Projekte, hatte einen ganz anderen Blickwinkel als in den ersten Monaten. Neue Kraft blühte auf, noch einmal alles zu verwirklichen, was man immer schon vorhatte. So gestalteten Anne, meine Mitstreiterin, und ich noch viele Projekte wie Ausflüge, Renovieren, Workshops, usw…

Häkel- und Filzworkshops im August

Joaquin trägt stolz seine gefilzte Krone

Meine letzten Samstage in Jujuy verbrachte ich meist in Alto Comedero, im Projekt Color Esperanza.
Anne und ich boten dort einen Häkel-Workshop an. Ursprünglich war das Angebot an die Mütter des Viertels gerichtet, jedoch kamen hauptsächlich Kinder um das Häkeln zu lernen.
Einige waren so begeistert, dass sie sich von uns noch Wolle und Häkelnadel liehen. Am darauf folgenden Samstag nahm ich meine Eltern und Jonas, meinen Bruder mit. Sie besuchten mich hier in Jujuy. Meine Mutter hatte kardierte Wolle mitgebracht – somit boten wir einen Filzworkshop an. Meine Mutter erklärte und zeigte den Kindern und einigen Müttern, wie sie die Wolle mit Seifenlauge verfilzen können. Nur manchmal musste ich übersetzen – mit Gestik versteht man sich auch international.
So fertigte meine Mutter Filzperlen, -Blumen, -Bälle und – Ringe mit den Kindern und Müttern an. Ich half ihnen beim Besticken der Kunstwerke und stellte mit ihnen Ketten, Ohrringe und Armbänder zusammen.

Pacha Mama – Mutter Erde (Nachtrag August)

Der indigene Kult ist in Jujuy in einigen Familien sehr präsent, so auch in meiner Gastfamilie: Der Monat August ist der Pacha Mama, der Mutter Erde, geweiht.
Die Mutter Erde ist das Gegenstück zu Pacha Tata, der Mutter Himmel, aus der Sonne und Mond entsprungen sind. Diese Elemente repräsentieren die Natur vollkommen: die Erde, den Tag und die Nacht – und die unendliche Wechselbeziehung dieser Elemente.

Meine Eltern reichen der Pacha Mama im Innenhof meiner Gastfamilie die Gaben

Nun ist es üblich, im Monat August der Pacha Mama mit Opfergaben zu ehren - zu danken und zu bitten für die Fruchtbarkeit der Erde, die Fruchtbarkeit des eigenen Lebens, für all die Gaben, die wir täglich von der Natur entgegennehmen und ohne die wir nicht leben könnten.
An einem Sonntag im August versammelte sich meine große Gastfamilie in dem Haus meiner Gastschwester. Sie hatte unzählige traditionelle Speisen vorbereitet – süß und salzig. Nach dem Mittagessen versammelten wir uns hinter ihrem
Haus, ein Loch von einem Meter Tiefe war in dem Hof schon vorbereitet.
Zu Beginn des Rituals wuschen sich alle 25 Teilnehmer aus der Familie die Hände gründlich mit Alkohol. Dann „begrüßte“ jeder Einzelne die Pacha Mama, indem er sich vor das Erdloch kniete und Quinoa hineinstreute. Quinoa-Getreide kommt direkt von der Erde, es ist der Pacha Mama demnach am nächsten. Danach knieten sich alle paarweise vor die Opferstelle und gaben der Erde jegliche Speisen (Eintopf, Kartoffeln, Empanadas, Fleisch), Cocablätter und Getränke (Bier, Wein, Likör). Nach der ersten Speisung der Erde stießen wir an und tranken auf unser Glück, unsere „Fruchtbarkeit“. Es folgte die Nachspeise für die Pacha Mama: Obst, Kuchen, Kekse und süßer Mais. Die Speisen werden der Mutter Erde mit beiden Händen übergeben und in einer Kreislinie in das Loch geworfen – das symbolisiert die Unendlichkeit der Fruchtbarkeit und des Lebens. Anschließend beglückwünschten sich alle.
Auch in unserer Wohngemeinschaft in Jujuy kochten wir für die Mutter Erde und gaben ihr zu speisen. Meine deutsche
Familie, die mich im August besuchte, durfte dem Teilen mit der Pacha Mama im Haus meiner Gastfamilie beiwohnen.

Der Ritus der Pacha Mama steht für das Geben und Nehmen im Leben. Wir nehmen täglich Gaben von der Pacha Mama an – nun danken wir ihr und geben ihr ihre wertvollen Güter wieder zurück. Diese Geste spiegelt das allgemeine Lebensbewusstsein in Südamerika, wie ich es hauptsächlich kennen gelernt habe, wider. Das Geben und Nehmen ist hier viel selbstverständlicher als in Europa. Hat einer ein Getränk oder etwas zu essen, bietet er das automatisch seinen Freunden an. Umgekehrt nimmt man von seinen Freunden an. So gibt es viel mehr Miteinander – weniger an sich reißen.
Da dieses Geben und Nehmen hier viel mehr in der Kultur verankert ist, funktioniert es und niemand fühlt sich vernachlässigt. Im Gegenteil, Geben ist eine Ehrensache!

Maria und Martin geben der Mutter Erde Gaben. Meine Gast-Schwester Silvia reicht die Gaben.

Artikel über argentinische Politik und die Wahl im Oktober (verfasst im August)

Dieses Jahr ist ein sehr wichtiges Wahljahr in Argentinien. Auf nationaler, provinzialer und lokaler Ebene. Gewählt werden Präsident und Vizepräsident sowie für den Nationalkongress die Hälfte der Abgeordneten und ein Drittel der Senatoren.
Derzeit ist Cristina Fernández de Kirchner die Präsidentin des föderalistischen Staates. Nachdem ihre Partei im Juli 2009 bei den Kongresswahlen eine Niederlage erlitt, war für viele Beobachter das Ende der Regierungszeit Kirchner absehbar. Dann starb am 27.Oktober 2010 Nestor Kirchner, Ehemann von Cristina und ehemaliger Präsident, überraschend. Plötzlich fehlte die eigentlich immer noch zentrale Figur in der argentinischen Politik.
Sein Tod veränderte die politische Stimmung vollkommen. Tagelang wurden Trauerzüge im Fernsehen übertragen, die Bilder der trauernden Witwe Cristina bewegten die Bevölkerung. Daher stiegen die Umfragewerte deutlich zu Gunsten von Cristina Kirchner.
Am 23.Oktober 2011 wird die alles entscheidende Wahl zeigen, ob Cristina Kirchner sich eine zweite Legislaturperiode halten kann. Weil ihre Regierung das Wahlrecht geändert hatte, fanden bereits am 14.August verpflichtende Wahlen für alle Wahlberechtigten Argentiniens statt. (Wer unentschuldigt nicht wählte, wurde zur eigentlichen Wahl im Oktober aus dem Wählerverzeichnis ausgeschlossen.) Bei der Vorwahl wurde aussortiert – wer weniger als 1,5% der Stimmen erreichte, kann bei den Wahlen nicht teilnehmen – und Kandidaten innerhalb der jeweiligen Parteien gewählt.
Die Wahlmethode erscheint mir seltsam: Es liegen Flyer in den Wahlkabinen. Auf denen sind die Kandidaten einer Partei für die zu wählenden Posten abgebildet. Will man aber zum Beispiel auf lokaler Ebene eine andere Partei unterstützen als auf nationaler, muss man die Flyer auseinander schneiden. Danach zeigt man dem Wahlleiter, dass man nur die einem zustehende Anzahl an Stimmen vergeben hat und wirft seinen Umschlag in eine Urne.
Bei diesen beschriebenen Vorwahlen gewann Cristina Kirchner mit ungefähr 50% der gültigen Stimmen. Gerade im Norden des Landes, wo die Provinz Jujuy liegt, gewann sie mit über 60% der Stimmen.
Das erscheint mir auf der einen Seite naheliegend, auf der anderen sehr merkwürdig:

a) Tupac Amaru

In Argentinien gibt es eine zentrale Gewerkschaft, die CTA, mit sehr viel Macht. In ihrer Amtszeit realisierte Cristina Kirchner einen sozialen Plan: sie stärkt die Armen, indem sie ihnen Geld gibt, um sich beruflich weiterzubilden. Sehr wenige der Betroffenen arbeiten jedoch hinterher in diesem Beruf oder ziehen Nutzen aus der Fortbildung. Auf Grund der
Korruption geht viel Geld dieser Sozialzuschüsse verloren.
Mit dem sozialen Plan bezuschusst Cristina Kirchner bevorzugt auch die CTA, die Gewerkschaft. Tupac Amaru war bis vor Kurzem die lokale Gruppe der CTA in Jujuy. (Der Mensch Tupac Amaru war ein wichtiger Freiheitskämpfer Südamerikas.) Vor einigen Monaten trennte sich die mitgliederstarke und sehr einflussreiche Gruppe Tupac Amaru von der CTA. Die Chefin von Tupac Amaru wollte durch diesen Schritt noch mehr Macht und Einfluss gewinnen. Weiterhin bezieht sie jedoch Geld von der CTA, die CTA vom argentinischen Staat.
Die Mitglieder Tupac Amarus kommen oft von der Straße, haben Suchtprobleme – viele führen ein schwieriges Leben. Gegründet wurde die Organisation Tupac Amaru in Jujuy, um die indigene Bevölkerung zu stärken und die Armen zu unterstützen. Zur Organisation gehört ein Krankenhaus, eine Schneiderei, viele Suppenküchen und Milchausgabestellen, eine Schule und ganze Stadtviertel. Der Einfluss der Organisation in das gesellschaftliche und politische Leben Jujuys ist
sehr groß – nicht nur durch zahlreiche Demonstrationen, an denen sich verpflichtend alle ungefähr 5000 Mitglieder beteiligen.
Tupac Amaru gibt den Bedürftigen in Jujuy auf Kosten des argentinischen Staates Haus, Verpflegung, Hygienestandards, Sportplätze und Schwimmbäder. Alles ohne Gegenleistung – das bremst die sehr hohe Inflationsrate nicht unbedingt.
Da Tupac Amaru indirekt abhängig von der Regierung ist, müssen die Mitglieder in nächtlichen Aktionen mit tausenden Plakaten von Cristina Jujuy zukleistern. Sie schreiben Wahlparolen wie „Por mas Piletas y Polideportivos“ (für mehr Freibäder und Sportplätze) an Wände. Von jeder Hausecke lächelt mir Cristina Kirchner zu, ab und zu auch mit ihrem verstorbenen Ehemann Nestor abgebildet.
Ursprünglich wollte ich einen großen Artikel über Tupac Amaru zusammen mit meiner Mitfreiwilligen Anne verfassen. Wir haben Interviews vorbereitet und Informationen gesammelt. Dann hat mir eine vertrauenswürdige Person gesagt, dass sie mir auf das Interview nicht antworten möchte, um mich zu schützen. Sie erzählte von einem sehr bekannten Journalisten, der im vergangenen Jahr verschwunden sei – wohl weil er für einen Artikel über Tupac Amaru recherchiert hatte. Die Person legte mir nahe, gut zu überlegen, mit wem ich über dieses brisante Thema spreche und vielleicht besser die Finger davon zu lassen. Die Organisation hätte die Macht, mich des Argentinischen Landes zu verweisen oder mich wegen Lappalien festzuhalten.
Ich schreibe von dieser Begebenheit, um Euch die Macht von Tupac Amaru zu zeigen. In diesem Kontext ist es naheliegend, dass im ärmeren und indigenen Norden Argentiniens und im durch die Organisation Tupac Amaru beeinflussten Jujuy Cristina Kirchner bei den Vorwahlen besonders gut abschnitt.

b) Terrenos

In der ganzen Provinz Jujuy sind Zelte zu sehen, die Demonstrationen dominieren den Alltag, gesperrte und blockierte Straßen verwehren mir den Weg zur Arbeit.
Um diese Umstände zu verstehen müssen wir uns in die Kolonialzeit zurückdenken. Damals besetzten zuerst die Engländer und dann die Spanier das ursprünglich von den indigenen Stämmen besiedelte Gebiet Argentiniens. Sie
stellten das Land unter ihre Verwaltungsgewalt und bekämpften Freiheitskämpfer und –bestreben mit barbarischen Methoden. Vor 200 Jahren erreichte Argentinien seine Unabhängigkeit.
Eine souveräne Republik gründete sich. Weiterhin wurde das riesige Land jedoch von wenigen regiert, die unvorstellbar große Fläche gehörte rechtlich nur wenigen – meist Einwandererfamilien. Bis heute gehört der Norden Argentiniens
hauptsächlich der Firma Ledesma, die das Zucker- und Papiermonopol im Land hat. Die Familie Kirchner (Präsidentin) besitzt große Flächen in Patagonien. Das ganze Land ist also unter wenigen Familien aufgeteilt und wurde vor hunderten von Jahren den indigenen Völkern weggenommen.
Um die Rechte dieser Völker und der landlosen Familien zu stärken, gibt es in Argentinien ein Gesetz, das besagt, dass ein seit 15 Jahren bewohnter Grund rechtlich dem Bewohner gehört. Dieser muss seinen ununterbrochenen Aufenthalt dokumentieren können.
In Jujuy gibt es sehr viele landlose und indigene Familien. Darum gibt es hier ein Gesetz, dass diese landlosen Familien von der Regierung Land zugesprochen bekommen. Ein ekannter wartet seit 20 Jahren auf ein Haus – er ist verärgert.
Kurz vor den Wahlen ergreifen nun viele Menschen die Möglichkeit die Regierung unter Druck zu setzen. Sie besetzen Land. Land neben der Autobahn, Firmengelände und Gärten. Es handelt sich dabei nicht nur um solche Menschen, deren Familie kein Haus hat – einige besetzen auch Land, obwohl sie schon ein Haus besitzen. Später wollen sie das Land
dann verkaufen. Ende Juli kam es im nahen Dorf Ledesma (benannt nach der Firma, deren Besitzer so viel Land besitzt, s.o.) zu Ausschreitungen. Landbesetzer hatten Firmengelände besetzt. Der Sicherheitsdienst wollte sie wohl mit brutalen Methoden vertreiben. Im Gefecht kamen drei Besetzer und ein Polizist ums Leben.
Aufgrund dieser Begebenheit radikalisierte sich die Landbesetzer-Bewegung. Die Politiker mussten handeln. Ganz Argentinien sah auf die Provinz Jujuy. Viele Menschen sagten, nach den Geschehnissen können sie nicht mehr für Cristina Kirchner wählen, die ja irgendwie hinter allem steht.
Schließlich versprachen die Politiker für jede landlose Familie (Frau, Mann, Kinder) ein Stück Land. Derzeit können sich die Bedürftigen in Listen schreiben.
Da im November des vergangenen Jahres eine Volkszählung durchgeführt wurde, könnte klar gesagt werden, wer als Landloser tatsächlich Anspruch auf ein Stück Land hat – ob nicht die Korruption machtvoller ist, ist für mich fraglich.
Ich persönlich kann die Erwartungshaltung der Jujeños gegenüber dem Staat nicht ganz nachvollziehen. Warum sollte jemand ohne dafür zu arbeiten Land geschenkt bekommen? Doch kann ich Verärgerung darüber verstehen, dass die Regierung ihre Versprechen nicht wahr macht. “Kauft nicht von Ledesma – für die vier!”, „Gerechtigkeit für die vier!“, „Boykottiert Ledesma!“ – die Wandanschriften am Supermarkt sind eindeutig.

c) Inflation

Die Weltwirtschaft ist so unsicher wie schon lange nicht mehr. Die Globalisierung verstrickt alle Kontinente noch enger
miteinander. Länder und Bevölkerungen sind viel mehr voneinander abhängig als noch vor 20 Jahren. Obwohl der Eurokurs stetig sinkt, entsprachen bei meiner Ankunft vor einem Jahr vier argentinische Pesos einem Euro.
Heute sind sechs Pesos einen Euro wert. Preise steigen ständig. Die Inflationsrate Argentiniens liegt bei 30%. Da  Argentinien allerdings in der Vergangenheit viele Hyperinflationen erlebt hat, löst die Inflationsrate bei der Bevölkerung keine heftigen Proteste aus.
Doch gerade die Menschen, die an den gewerkschaftlich ausgehandelten Gehaltsanpassungen von bis zu 35% keinen Anteil haben, leiden stark unter steigenden Preisen.

d) Benzinknappheit

Im südlichen Argentinien streiken Raffineriearbeiter. Weiter würde mich das nicht interessieren, gäbe es nicht tägliche Autoschlangen vor den Tankstellen Jujuys. Das Benzin ist knapp. Vereinzelt bringen Tanklaster den Kraftstoff in die nördlichste Provinz Argentiniens – nach einer dreitätigen Fahrt. So findet man häufig Staus von einem Kilometer Länge mitten in der Stadt und mitten in der Nacht. Ja, die Bewohner, die wirklich auf Benzin angewiesen sind, stehen Nachts auf um ihr Auto voll zu tanken.
Naheliegend wäre, Benzin aus dem benachbarten und rohstoffreichen Bolivien zu importieren. Dagegen spricht allerdings der Entschluss der argentinischen Regierung, Importe zu bremsen um die nationale Wirtschaft zu stärken. Auch fraglich wäre, ob Evo Morales, der einen anderen Regierungskurs verfolgt als Argentinien, einem Exportabkommen zustimmen würde.
Für mich ist aufgrund all dieser Faktoren verwunderlich, warum Cristina Kirchner im Norden Argentiniens so viele Stimmen gewonnen hat. Vielleicht erinnert ihr euch ja bei der deutschen Berichterstattung über die Wahlen im Oktober an meine Erlebnisse und Hintergründe.