Hier in Deutschland blicke ich von außerhalb auf Jujuy und auf meine Erfahrungen. Mir wurde viel bewusst:
Ich hatte die ganzen 13 Monate ein Rückflugticket sicher. Ich wusste immer, dass ich nicht ewig bleiben würde – so sah ich vieles aus einer anderen Perspektive als die Jujenos. Andererseits konnte ich mich auch nie zu 100% in deren Lage hineinversetzen – ich wusste ja, dass ich bald wieder in mein „altes Leben“ zurückkehren würde.
In Jujuy hatte ich ernsthaft über eine Zukunft in Argentinien nachgedacht. Ich habe überlegt, was ich arbeiten könnte und wie das funktionieren würde – nun glaube ich zu wissen, dass ich einem richtigen Leben in Jujuy nicht gewachsen wäre.
Ohne die zeitliche Begrenzung des Aufenthaltes würde ich mich wohl nicht Wohlfühlen in einem Land, in dem Ungerechtigkeit täglich durch Korruption geschürt wird; wo Polizisten Straßenkinder verprügeln; wo Menschen- und Organhandel vertuscht werden; in einem Land, in dem die Regierung den Import durch hohe Zölle so blockiert, dass die staatliche Wirtschaft entfernt von der internationalen agieren muss. In Jujuy, wo sich der durchschnittliche Einwohner im „Hospital“ ärztlich auf Kosten des Staates versorgen lässt – dort, wo mit einer Spritze gleich alles wieder gut ist und die Menschen oft später an Folgen nicht erkannter Krankheiten sterben, da sie früher kein Geld für die teuren Privatkliniken hatten.
Niemals würde ich in Argentinien voreingenommen leben können – ich würde es (egal welches Land) immer mit meinem deutschen Verständnis von Staat, Gesellschaft und Kultur vergleichen. Vielleicht unbewusst, vielleicht ungewollt – aber in vielen Fällen ließen sich bestimmt Vorteile im deutschen System finden.
Die Welt kann nichts ausrichten gegen einen Mann, der im Elend singt.
Ernesto Sabato, 1911, argentinischer Schriftsteller
Manchmal frage ich mich, ob mein Freiwilligendienst sinnvoll war – ob ich irgendjemandem geholfen habe.
Für mich selbst habe ich sehr viel gelernt. Ich lebe bewusster, versuche Elemente des Lebens in Südamerika, die mir gefallen haben, in mein Alltagsleben mit einzubinden. So versuche ich zum Beispiel, mir das Teilen und das Miteinander zu behalten. Oft – und das ist von der anderen Kultur her verständlich – wird das aber in Deutschland nicht verstanden.
Ich habe in dem Jahr auch gefühlt, wie es ist, Fremd zu sein; wie es sich anfühlt immer anders auszusehen, nie gleich behandelt zu werden. (So dass ich mich jetzt vielleicht besser in die Asylbewerber in Passau hineinversetzen kann, denen ich jede Woche ehrenamtlich Deutsch-Nachhilfe gebe.)
Ich habe gelernt, einfacher zu leben, konnte mich mit anderen Lebensweisen anfreunden und abfinden und habe neue Werte für mein Leben gebildet.
Die schönsten Momente zwischen August 2010 und September 2011 waren für mich, wenn ein Kind etwas verstanden hat.Der zwölfjährige Arni verstand plötzlich das Summieren; der elfjährige Santos hüpfte aufgeregt im Dunkeln auf den gepolsterten Theatersesseln in dem Theatersaal der Stadt, den er zum ersten Mal besuchte; Lucía verstand, warum es nicht sinnvoll ist, mit Steinen zu werfen; Perla konnte ich in einem Gespräch vermitteln, dass Streit zu einer Freundschaft gehört; die zwölfjährige Noelia erklärte mir ihre große Freundschaft mit Pato; Die elfjährige Brisa begriff, dass es nicht gut für ihren kleinen Bruder ist, auf den sie oft aufpassen muss, wenn sie ihn anschreit; Romina wurde mit Gewissensbissen klar, dass man eine Birne von fremden Menschen nicht einfach essen darf.
Was mich sehr bewegte war, als der damals zweijährige Bail, der in seiner Umgebung sehr viel Gewalt erfahren muss, mir mit seinen Händen auf die Backe patschte. Ich sagte ihm, dass mir das wehtäte. Er sah mich fragend an. Ich streichelte seine Backen und meinte, dass das schöner sei. Er streichelte dann auch meine Backen und von dem Tag an, tat er das immer, wenn ich ihn auf dem Schoß hatte.
Aber ich frage mich, warum Bail Gewalt erfahren muss. Und ich verstehe nicht, warum Perla jetzt Drogen nimmt. Ich kann verstehen, warum Lucía sich Schmerzen zufügt – nach allem, was sie erlebt hat in ihrem Leben. Doch warum musste sie das erleben? Ich verstehe, warum Noelia sich an ihre beste Freundin klammert, oft überfordert ist und nach Grenzen sucht, wenn ihre Mutter – die Mutter von sieben Kindern – mit ihrem neuen Freund durchbrennt und die Kinder sich selbst überlässt. Noelia hoffte bis zuletzt, dass ihre Mutter sie wenigstens an ihrem Geburtstag besuchen käme.
Ich zweifle an Entwicklungszusammenarbeits-Programmen, wenn ich die 15jährige Schwester von Brisa in der Villa (dem Armenviertel) hochschwanger sehe und frage mich, was wohl Brisa in vier Jahren macht. Ich bin traurig, wenn die drogensüchtige Mutter von Romina sie von einem Ausflug abhalten will, da sie wahnsinnige Angst um sie hat. Ich weiß nicht, wie ich reagieren soll, wenn ich höre, dass Santos in einen Überfall verwickelt ist. Nicht als Opfer.
Trotzdem ist es wichtig, weiter zu machen. Nicht aufzugeben. Den Kindern zuzuhören, ihnen zu verzeihen und neue Chancen zu geben.
Erich Fried sagte mal: „Für die Welt bist du irgendjemand, aber für irgendjemand bist du die Welt.“
Ich will, dass Perla, Bail, Noelia, Arni und all die anderen Kinder wissen dürfen, dass sie für jemanden die Welt bedeuten.
Ich will hier denen Danke sagen, die vor Ort aus Idealismus in sporadischen und oft improvisierten Projekten arbeiten. Meine Kolleginnen und Kollegen aus Jujuy hatten selbst oft nicht viel und haben aus Überzeugung ihren Mitbürgern geholfen und ihnen das Gefühl vermittelt, eine Welt für sie zu sein.